Pressekonferenz mit Johann Stur
Der kleine Saal im ‚Haus der Mitte‘, das direkt an der Grenze zu Tschechien steht, ist von gedämpftem Volksgemurmel erfüllt. An den zu einem nach vorn offenen Karree gerückten Tischen sitzen bereits einige wenige Reporter und verursachen die Geräuschkulisse. An der offenen Seite des Karrees, vor einem schultafelgroßen Whiteboard, steht ein einzelner Tisch, auf dem einige Exemplare von Sturs Büchern liegen. Am Tisch angelehnt steht der Grund für dieses Meeting: der bislang unbekannte Autor Johann Stur. Er ist in Jeans und einem farbenfrohen Sweet-Hoodie gekleidet. Seine langen, dunkelblonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, der sich über die Kapuze des Hoodies legt.
Stur wird gerade von Tilo Stremmer, dem Vorsitzenden des Literaturzirkels ‚Leseratten‘ zugetextet. Doch die Gedanken des Autors sind weit entfernt von den Worten des Zirkelleiters.
‚Wer zum Kuckuck hatte diese Idee mit der Pressekonferenz?‘, fragt sich Stur verzweifelt. Etwas vorwurfsvoll blickt er auf Stremmer, den Initiator und Moderator dieser Veranstaltung.
Stur, der es nicht gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen und dann auch noch zu reden, ist flau im Magen. Am liebsten würde er sich verdrücken, aber dazu ist es zu spät. Ein Blick auf die Uhr über der Tür sagt ihm, dass die Zeit für die Pressekonferenz schon seit sieben Minuten läuft. Stremmer scheint die Angespanntheit des Autors zu spüren. Mit ermutigendem Lächeln klopft er Johann Stur auf die Schulter, geht zum Eingang, schaut kurz noch einmal hinaus auf den Parkplatz und schließt die Tür.
Während die Oberleseratte die Anwesenden begrüßt, scannt Stur die Gesichter der wenigen anwesenden Reporter ab. Sieht er hier und da etwas Feindseligkeit? Die Presse und ihre Vertreter sind in seinen Büchern nie gut weggekommen; rächt sich das jetzt?
Schließlich übergibt Stremmer das Wort an Stur. Mit trockener, kratziger Stimme bedankt der sich bei Stremmer und den Reportern für ihr Interesse und fordert die ersten Fragen ein.
Und schon meldet sich ein älterer Herr. Stur nimmt einen Schluck Wasser aus dem bereitstehenden Glas und nickt dem Mann aufmunternd zu.
„Uwe Ungut, Freie Presse. Herr Stur; wie kommt ein ganz normaler Mensch wie Sie auf die Idee, Bücher zu schreiben?“
„Vielen Dank erstmal für das Prädikat ‚ganz normaler Mensch‘, das höre ich im Zusammenhang mit meiner Person eher selten“, grinst Stur und im Saal wird verhalten gekichert. Dann fährt Stur fort: „Diese Frage habe ich mir auch schon sehr oft gestellt; ohne eine wirklich befriedigende Antwort darauf zu finden. Ich habe irgendwann mal von einem Schriftsteller, dem dieselbe Frage gestellt worden ist, eine vielleicht passende Antwort gehört. Er hat darauf geantwortet, er würde schreiben, um aus der Realität zu entfliehen. Vielleicht ist das die Antwort? Realitätsflucht? Sorry, mehr kann ich dazu nicht sagen. Weitere Fragen? Die junge Frau dort hinten! Bitte sehr!“
„Sina Liebich, Sächsisches Käseblatt. Ist Ihr erstes Buch eine Art Autobiografie von Ihnen?“, fragt die Reporterin mit riesigem Augenaufschlag.
„Nein, auf keinen Fall! Aber wenn man ein Buch schreibt, fließen natürlich eigene, persönlich erlebte Situationen in die eine oder andere Szene mit ein!“, antwortet Stur etwas verlegen.
„Ja, aber wie nahe sind Ihre Bücher an der Realität? Es gibt immer wieder Passagen, die aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen. Ihr Leben?“, setzt die junge Frau mit den schulterlangen, schwarzen Haaren nach.
„Nein, natürlich nicht! Ich saß weder im Gefängnis, noch habe ich jemals auf Menschen geschossen. Der Inhalt ist frei erfunden und erhebt keinerlei Anspruch auf Richtigkeit. Die Bücher dienen ausschließlich der Unterhaltung und sind auf keinen Fall irgendwelche medizinischen, juristischen oder finanzwirtschaftlichen Fachwerke. Auch in Sachen Orthografie und Grammatik sollte man nicht allzu streng hinschauen! Wie gesagt: reine Unterhaltungsliteratur! Ok?“
Sina Liebich nickt lächelnd und schreibt etwas auf ihren Notizblock. Stur reißt seinen Blick von ihr los und schaut in die Runde. In der zweiten Reihe erhebt eine vornehm gekleidete, ältere Frau mit dicker Brille auf der Nase die Hand.
„Bitte schön!“, erteilt Stur ihr das Wort.
„Edith Baldauf vom ‚Erzengel'. Haben Sie sich schon vor diesen Büchern in irgendeiner Weise literarisch betätigt?“, fragt sie mit krächzender Stimme.
„Naja, so umfangreich und zielgerichtet nicht. Ich habe in den vergangenen Jahren hier und da mal einen Sketch, eine kleine Geschichte oder ein Gedicht, teils in erzgebirgischer Mundart geschrieben. So ganz normale Gedankenergüsse halt, nur dass man sie in Worte fasst und niederschreibt“, antwortet der Autor.
Die Dame nickt ihm zufrieden zu.
„Nächste Frage! Der Herr hier vorn, bitte!“
„Hubertus Hunger vom ‚Treffer – das Magazin für Jagd und Sportschießen‘. Ihre Bücher sind, ich möchte es mal gelinde ausdrücken, sehr waffenlastig. Man merkt gleich, dass Sie sich mit diesem Thema eingehend auseinandergesetzt haben. Aber finden Sie nicht, dass das stellenweise ein wenig zu viel des Guten ist?“
„Ihre Frage bezieht sich sicherlich auf den Schießlehrgang im ersten Buch. Ja, ich habe wirklich von meinen Probeleserinnen reflektiert bekommen, dass diese Szenen für jemanden, der mit dem Schießen nichts zu tun hat, uninteressant und hart an der Augenverdrehgrenze sind. Aber jeder Autor hat halt so sein Steckenpferd, auf dem er es sich erlaubt, etwas herumzureiten. Bei mir ist es halt das Sportschießen und alles, was damit zusammenhängt. Man möge es mir verzeihen!“
„Aber diese Schießkünste Ihres Protagonisten, ist das nicht etwas übertrieben?“, zweifelt Hubertus Hunger.
Johann Stur grinst.
„Wir können uns gern zu einer kleinen Session auf dem Schießstand verabreden, dann zeige ich Ihnen, dass alles, was ich dort geschrieben habe, durchaus von mir machbar und nichts davon übertrieben ist.“
Der Mann wiegt ungläubig mit dem Kopf, gibt sich aber mit der Antwort zufrieden. Eine Frau mittleren Alters, mit kurzen Haaren und unfreundlichem Blick meldet sich. Stur nickt ihr, immer noch lächelnd, zu.
„Anja Pohl vom Magazin ‚Die moderne Frau heute‘. Herr Stur, Sie verwenden in Ihren Büchern diese Wasti-Skala, nach der sie Frauen nach ihrem Aussehen einstufen. Finden Sie das nicht etwas – wie soll ich es ausdrücken…“
„Chauvinistisch? Sagen Sie es ruhig!“, beendet Stur ihre Frage.
„Ja, ich denke, chauvinistisch ist das richtige Wort. Was sagen Sie dazu?“
„Hmm, was soll ich dazu sagen? Ich habe mir beim Schreiben überlegt, ob ich die Skala vielleicht nach oben hin auf 6 erweitern sollte. By the way: wo würden Sie sich einstufen?“, kommt mit einem frechen Grinsen vom Autor.
Die Frau wirft ihm einen giftigen Blick zu, bleibt ihm aber die Antwort schuldig. Sie scheint mit sich zu ringen, die Pressekonferenz vorzeitig zu verlassen, entschließt sich aber aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen dagegen. Stur schaut sich im Raum nach weiteren erhobenen Händen um. Ein Mann, so Mitte dreißig, mit jugendlicher Ausstrahlung und mit einem Basecap auf dem Kopf meldet sich.
„Ronny Richter, freier Journalist“, stellt er sich vor.
„Ich dachte, Sie wären tot?“, kommt es erstaunt von Stur.
„Ihre Eva hatte Erbarmen mit mir“, lacht der Journalist.
„Da bin ich aber erleichtert!“ Stur fasst sich mit übertriebener Geste ans Herz und lacht.
Die Leute im Saal, die beide Bücher gelesen haben, verfolgen mit wissendem Lächeln den Dialog. Den anderen stehen virtuelle Fragezeichen über den Köpfen.
„Die Personen in Ihren Büchern, haben die alle ein Vorbild aus Ihrem Bekanntenkreis?“, fragt Richter.
„Namentlich nur zwei, aber ich werde nicht verraten, wer. Aber ja, bis auf ein paar bedeutungslose ‚Statisten‘ hat jeder Charakter im Buch ein echtes, menschliches Pendant. Teilweise über das Aussehen, teilweise über den Charakter, meistens aber über beides. Es gibt sogar Leute aus meinem Bekanntenkreis, die sich weigern, die Bücher zu lesen, aus Angst, sie könnten sich darin in einer schlechten Rolle wiederfinden.“
„Und was ist mit den Orten? Auch erfunden?“, setzt Richter nach.
„Also, die Kreisstadt Schindelingen gibt es überhaupt nicht. Das Dorf Sandbach könnte es schon ein paarmal geben, aber nicht dort, wo ich es im Buch hin verfrachtet habe. Auch die kleinen Städte des Angry County im zweiten Buch wird man vergeblich suchen. Aber wenn man sich richtig anstrengt, dann kann man solche Städte wie Dresden, München, Ulm oder Prag durchaus auf dem Globus finden. Und wenn man diesen ein wenig nach rechts dreht und sich wirklich Mühe gibt, dann findet man auch Denver, Colorado Springs und sogar den 150-Einwohner-Ort Divide in den Rockys.“
Der freie Journalist nickt zufrieden und wendet seinen Blick von Stur ab. Der Mann neben ihm meldet sich zu Wort.
„Volkmar Dittrich vom ‚Arzgebirgischen Wurschtblaadl‘. Ihre Bücher sind mit 25 beziehungsweise 23 Euro relativ hochpreisig. Was sagen Sie dazu?“, kommt leicht angriffslustig von ihm.
„Die Preise habe ich nicht gemacht, das sind die Mindestpreise, die vom Herausgeber aufgerufen werden müssen, um die Kosten für den Druck und die Lieferketten abdecken zu können. Da diese Bücher ‚on demand‘, also nach Bedarf, vorwiegend einzeln gedruckt werden, sind die Preise entsprechend. Wenn ich einen kleinen Vergleich wagen dürfte, dann würde ich Sie fragen, wann Sie das letzte Mal in einem Restaurant essen waren. Also ich habe mir das letztens mal geleistet und habe in einer ganz normalen Gaststätte, nichts Gehobenes oder so, ein Schnitzel und ein Bier bestellt. 25 Euro! Nächstes Beispiel: ein Friseurtermin - das Gleiche! Aber schauen Sie mal, was Sie auch für 25 Euro bekommen könnten!“
Stur hebt sein erstes Buch in die Höhe und zeigt es in die Runde.
„Das Buch hat über 700 dicht bedruckte Seiten, wiegt 1,2 Kilogramm und wird in Deutschland produziert. Es zu lesen hält um Welten länger an als ein Schnitzel und ein Bier und ist langlebiger als eine Frisur! Ich empfehle aber jedem, der irgendeinen E-Book-Reader, wie zum Beispiel einen Kindle oder Tolino hat, sich die Bücher als E-Book zu kaufen. Das ist um Welten preiswerter und lässt sich bequemer lesen als diese dicken Schwarten! Übrigens wird der Umfang meiner Bücher von vielen Lesern angesprochen. In Rezessionen ist zu lesen, dass ich hätte die Geschichten auf mehrere Bücher aufteilen können. Aber ich hatte meine Gründe, davon abzusehen. Einer davon war verbunden mit der Frage, wo man die Bücher hätte trennen sollen, um den nächsten Teil anzufangen“, gesteht Stur.
Tilo Stremmer stupst ihn von der Seite an und zeigt auf die Uhr. Johann Stur liest die Uhrzeit und erkennt erleichtert, dass die Zeit, die sie für diese Pressekonferenz anberaumt hatten, eigentlich schon überzogen ist.
„Ok, noch eine letzte Frage aus der Runde und danach stehe ich bei Bedarf noch für Einzelinterviews zur Verfügung. Bitte, die Dame von Käseblatt noch einmal!“
„Ich mache es kurz: wird es einen dritten Teil der Rasty-Reihe geben?“, fragt Sina Liebich.
„Dann mache ich es auch kurz: Nein! Ein RastyIII ist nicht vorgesehen. Lassen wir ihn in Ruhe sein Leben genießen, das hat er sich nach all den Schicksalsschlägen verdient.“
„Schade!“, seufzt die junge Frau etwas enttäuscht.
„Kopf hoch! Vielleicht, ich meine, nur vielleicht, wird es ein weiteres Buch mit anderen Helden geben. Aber ob wirklich und wenn, dann wann, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Schaumermal dann sehmerschon!“, tröstet Stur die hübsche Sina Liebich und empfängt ein charmantes Lächeln und einen tiefen Blick aus schwarzen Augen, dem er verlegen versucht auszuweichen, aber von dem er sich einfach nicht losreißen kann…
So, lieber Leser (m/w/d), nun ist es an dir, diese Pressekonferenz um weitere Fragen in die Länge zu ziehen und den Autor Johann Stur weiter zu quälen.
Wenn du also Fragen oder Hinweise oder Kritiken oder sonst was zu den Büchern hast, dann schicke sie per Mail an:
Vielen Dank und liebe Grüße!
Johann Stur